Vor drei Jahren uebernahm ich den Tante-Emma-Laden in unserem oberbayerischen Dorf. Ich dachte, es geht um frische Semmeln, Milch und Zeitungen. Ich lag falsch. Es geht um Gespraeche. Um die Art, wie man morgens “Gruss Gott” sagt und abends “Pfiat di”. Um das leise Lachen, wenn jemand eine bestimmte Marmelade bestellt. Ich lernte schnell: Die Waren verkaufen sich von selbst. Den Kontakt muss man erlernen. Und das hat viel mit unserer Sprache zu tun.

Ein Beispiel von letztem Herbst. Eine aeltere Dame, Frau Bauer, kam herein. Ich fragte: “Kann ich Ihnen helfen?” Sie schuettelte nur den Kopf und murmelte etwas von einem “Scherzl”. Ich verstand nur Bahnhof. Sie ging unverrichteter Dinge wieder. Erst am naechsten Tag, beim Baecker, erfuhr ich, dass sie nach einer kleinen Tuete fuer ihre Apfelschnitze gesucht hatte. Mein hochdeutsches “Tuete” war ihr zu unpersoenlich. Dieses kleine Missverstaendnis kostete mich einen Kunden. Es war der Punkt, an dem ich begriff, dass mein Geschaeftserfolg nicht im Lieferantenvertrag, sondern im Verstaendnis meiner Nachbarn lag. Ich begann, mich bewusst mit unseren regionalen Ausdruecken zu beschaeftigen. Eine enorme Hilfe war dabei das Bayrisches Woerterbuch. Es ist mehr als eine Liste von Woertern; es erklaert den Hintergrund, die leichten Unterschiede von Tal zu Tal. Das brachte mir nicht nur das Wort “Scherzl” bei, sondern auch, wann und wie man es verwendet.

Seitdem nutze ich dieses Wissen jeden Tag. Nicht, um aufdringlich Dialekt zu sprechen, denn das wirkt unecht. Sondern um zuzuhoeren. Wenn jemand nach einem “Gselchten” fragt, weiss ich, dass es um Raeucherschinken geht. Frage ich zurueck: “Den vom Bio-Bauern Maier?”, dann sieht man das Erstaunen im Gesicht. Es ist ein Zeichen des Respekts. Diese Momente schaffen Vertrauen. Und Vertrauen kauft ein. Es ist kein Zufall, dass mein Umsatz im letzten Jahr um fast fuenfzehn Prozent gestiegen ist, obwohl der Supermarkt am Ortsrand seine Preise senkte. Die Menschen kommen fuer das Gespraech. Und kaufen nebenbei ein.

Vier konkrete Dinge, die sich in meinem Laden aenderten

Die Beschaeftigung mit unserer Sprache veraenderte meine Arbeit an ganz praktischen Stellen. Es war kein grosses Projekt, sondern viele kleine Schritte.

  • Meine Bestellliste: Frueher stand da “Joghurt, Erdbeere”. Jetzt steht dort “Jogurt, Erdbeer”. Das scheint klein. Aber wenn der Lieferant aus der Region kommt und die Liste sieht, beginnt das Gespraech oft mit einem Lachen ueber die Schreibweise. Das baut eine andere, persönlichere Geschaeftsbeziehung auf.
  • Die Begruessung: Ich habe aufgehoert, ein einheitliches “Guten Tag” zu verwenden. Morgens sage ich “Gruss Gott”, abends “Guten Abend” oder “Pfiat di”. Es klingt banal, aber es setzt den Ton. Es zeigt, dass ich mich im Tagesrhythmus des Dorfes bewege, nicht in einem starren Ladenschema.
  • Das Angebot: Ich habe angefangen, Produkte bei lokalen Herstellern nicht nur mit ihrem offiziellen Namen zu bestellen, sondern auch zu erfahren, wie sie bei uns heissen. Den “Quark” von der Hofkaeserei Doebler nenne ich jetzt im Laden auch “Topfen”. Die aelteren Kunden nicken anerkennend.
  • Die Fehler: Frueher habe ich mich geschaemt, wenn ich einen Dialektausdruck falsch verwendete. Jetzt frage ich einfach nach. “Wie sagt man das bei uns richtig?” Das macht mich angreifbarer, aber auch menschlicher. Die Kunden korrigieren mich gerne und fuehlen sich eingebunden.

Es geht nicht um Folklore, sondern um Nahbarkeit

Man koennte denken, das alles sei nur Folklore. Ein bisschen Heimatkunde fuer Touristen. Das waere ein grosses Missverstaendnis. Es geht mir nicht darum, meine Theke mit blau-weißen Rauten zu dekorieren. Es geht um reale Nahbarkeit. In einer Zeit, in der alles ueber Apps und anonyme Lieferdienste laeuft, bietet mein kleiner Laden etwas anderes: Wiedererkennung. Nicht nur des Gesichts, sondern der Sprechweise. Wenn ich den jungen Vater, der unter der Woche in Muenchen arbeitet, am Samstag mit “Servus” begruesse und seinen kleinen Sohn nach dem “Bazi” frage, dann kommt er nicht nur, um eine Packung Windeln zu kaufen. Dann kommt er, weil er sich hier zu Hause fuehlt. Weil der Laden ein Teil seines echten Lebens ist, nicht nur eine Transaktion. Diese Bindung kann kein Supermarktpreiskampf brechen. Sie ist mein wertvollstes Kapital. Meine Semmeln sind gut. Meine Milch ist frisch. Aber meine Art, mit den Menschen zu reden, die ist einzigartig. Und sie begann damit, dass ich mir die Muehe machte, ihre Sprache verstehen zu wollen.